Atemberaubend und wild schleckt die Brandung des Meeres am Sandstrand, schäumt auf und wird von der folgenden Welle wieder verschluckt. Gerade bildete die Gischt noch ein eindrucksvolles Muster aus Schaum am Ufer, da vergeht es im nächsten Augenblick schon wieder. Unerreichbar schien es, diese Schaumgebilde festzuhalten, um vielleicht ein Stück des vergangenen Sommerurlaubes am Strand in den Winter zu retten und dieses Meergefühl zu konservieren.
Das Meer hat eine seltsame Wirkung auf den Menschen: als Motiv für das Unbewusste, das Erotische, das Erhabene, das Grauen, Raum für mystische Wesen, für das tiefste Unbekannte, Handel, Freiheit, Sehnsucht, Weite und Schönheit dient es seit Jahrhunderten als Inspirationsquelle. Eine verheißungsvolle Faszination geht vom Meer aus, das, schaumgekrönt, einen ganz eigenen Rhythmus hat und sich dem Menschen doch immer wieder entzieht.
Ob es eine tosende Brandung war oder eine luftige Gischt, ein besonderer Urlaub oder nur dieser eine Moment, der Lena Feldmann dazu veranlasste, Schaumstrukturen skulptural festzuhalten? Die Künstlerin sieht in diesen Schaumstrukturen mehr als diesen Moment, der gleichzeitig jetzt und vergangen scheint, sie sieht Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten waren es ihr wert, über Jahre die perfekte Technik zu entwickeln, die es ihr erlaubte, den ephemeren Schaum des Meeres zu einzigartigen Objekten aus Glas zu transformieren. Die Konzentration, mit der Lena an ihren Werken arbeitet, überträgt sich auch auf diese: klar und bestimmt öffnen ihre Arbeiten Deutungsräume, die über das Staunen über Naturphänomene weit hinausgehen.
Aber zurück zum Schaum des Meeres. Ich bin im Süden Deutschlands aufgewachsen und in meiner Kindheit waren die Berge immer näher als das Meer. Das Meer blieb mir rätselhaft, gewaltig und verborgen. Lenas Vorstellung von der Brandung des Meeres, schäumenden Wogen, der weißen Gischt, konnte ich nur erahnen. Ihre Objekte, wie Vierzehn x 0 übten auf mich dennoch eine sehnsüchtige Ehrfurcht aus: ich wollte mich in diese Gebilde hineinbegeben, dem Glas folgen, das sich in diesen Werken zugleich scharf und kantig, weich und geschmeidig, durchscheinend und stark anbietet. Lena schafft es in einem einzigen Objekt die reiche Palette dieses ambivalent auftretenden Materials Glas zu vereinen. Kunstfertig beherrscht sie das Glas und lässt ihm doch genügend Freiraum, zufällige Wendungen zuzulassen. Ihre Werke lassen die Rezipierenden also auch dann fasziniert staunen, wenn man wie ich nicht zu den „Meermenschen“ gehört.
Als ich aber vor einigen Jahren in London die Fotoarbeit „Hermine, a“ von Wolfgang Tillmanns sah, auf der sich der Meerschaum weiß auftürmt und im Sand ein zellenartiges Schattenbild wirft, ergriff mich eine plötzliche Erkenntnis: Dort auf dieser Fotoarbeit sah ich das Abbild von Lenas Objekten, nur eben nicht aus Glas, sondern aus dem natürlichem Wasser-Luft-Gemisch. Und da begriff ich, dass Lena es tatsächlich geschafft hat, dem Unerreichbaren einen Körper zu verleihen und das ephemere Naturmoment in Glas festzuhalten. Es waren aber Lenas Objekte aus Glas und keine Fotoarbeit, die mir einen neuen Blick für Schaumbilder verliehen. Und so ertappe ich mich, wie ich fasziniert dem Seifenschaum-Blasengebilde im Waschbecken zusehe bis es langsam zergeht oder im Springbrunnen am Kreisverkehr des Nachbarorts nach den zellenartigen Schaumstrukturen suche. Lenas Arbeiten schaffen das, was Kunst tun sollte: sie weiten die Perspektive, öffnen das Feld der eigenen Wahrnehmung und verleihen neue Augen, mit denen wir aus ihren Ausstellungen heraus in eine Welt voller erstaunlicher organischer Systeme gehen. Wenn man Lenas Aquarellzeichnungen, Drucke und Objekte betrachtet, erweckt es den Eindruck, als ob sie die Welt durch die Linse eines Teleskops oder eines Mikroskops wahrnimmt - und sie lädt die Rezipierenden ein, ihrem Blick zu folgen und kreisförmige Sternenkarten zu entdecken, organische Zellensysteme oder topografische Reliefs zu finden. Die universellen Muster, repetitive Strukturen und Gefüge, die in Lenas Werken so präsent sind und in die sie ihre Umwelt zu ordnen scheint, kommen ohne Worte aus und evozieren ganz individuelle ästhetische Erfahrungen. In ihren Arbeiten lässt die Künstlerin verborgene Beziehungsgeflechte entstehen, die uns an etwas erinnern, das Kosmos/Welt/Raum sein kann. Sie sieht die Lichtrauten an der Zimmerdecke aus Michael Donhausers Gedicht und setzt sie neu zusammen, zu sensiblen Aquarellzeichnungen oder kristallinen Objekten. Lena kreiert Welten, die von Welt inspiriert sind. Sie geben den Anschein, Orientierung zu bieten, oder dienten ursprünglich der Orientierung, aber von Lena transformiert dienen sie nun dem Träumen über - oder dem Erträumen von - Welten und dem Wundern über den Mikro- und den Makrokosmos ebenjener Welten. Welten, von denen wir eine leise Ahnung haben, denen aber doch wie Lena Feldmanns Werke etwas Geheimnisvolles, etwas Verheißungsvolles innewohnt, das vielleicht unerreichbar bleibt, und sie gerade deshalb ihren Zauber erhalten.
Lena Feldmann, 1988 in Rheda-Wiedenbrück geboren, folgte ihrer Leidenschaft für Glas stringent: Nach einer Ausbildung zur Kunstglaserin an der Glasfachschule Rheinbach, absolvierte sie 2012 ihren Bachelor of Fine Arts und 2015 ihren Master of Fine Arts in der Klasse Freie Kunst Glas am Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz in Höhr-Grenzhausen. 2013 verbrachte sie ein Auslandssemester am Sydney College of the Arts in Australien und erweiterte ihr materiales Repertoire um eine exzellente Videoarbeit, die den Mikrokosmos der australischen Natur zu einem visuellen Klangerlebnis werden ließ. Seit 2015 ist Lena Feldmann als Dozentin für Glasbearbeitungstechniken am IKKG tätig. Ihre Werke wurden bereits international ausgestellt und ausgezeichnet.
Nun wird der Künstlerin Lena Feldmann der Förderpreis der AKM 2023 verliehen. Der Förderpreis wird seit 1992 an Kolleg:innen innerhalb der Arbeitsgemeinschaft bildender Künstler:innen am Mittelrhein e.V. vergeben, um sie in ihrer künstlerischen Entwicklung zu unterstützen.
Text: Lena Trost